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Das Aktivitätsparadoxon – Viel hilft (nicht) viel?

Inwiefern hilft Aktivität? Kann sie auch schaden? Wie viel bewegen wir uns in körperlich anstrengenden Berufen wirklich?


Bild: American Football; Herbert Wimmer, Kirchdorf Wildcats


Rückenschmerzen durch körperlich schwere Arbeit? Gleichzeitig keine Motivation, zu trainieren?


Mittwoch Abend 18 Uhr, der letzte Patient hat seinen Feierabend schon erreicht. So nimmt Herr M., nach einem anstrengenden Tag auf der Baustelle, auf der Behandlungsliege Platz. Als er seinen heutigen Arbeitstag beschreibt, bestehend aus vielen Bewegungswiederholungen wie Heben, Tragen, Schieben und Ziehen schwerer Gewichte, kann ich nur erahnen, wie müde und erschöpft sich der Patient fühlen muss. Herr M. schließt seinen Bericht damit ab, dass er natürlich wisse, dass seine körperlich schwere, berufliche Tätigkeit der Hauptgrund für seine Rückenschmerzen sei, er sich jedoch trotzdem schwer tue, in seiner Freizeit zusätzlich zu trainieren. Mein Entschluss, in der heutigen Einheit neue Kräftigungsübungen zu versuchen, gerät zunehmend ins Wanken. Dabei hatte ich doch vor kurzem in einer Leitlinie gelesen, dass Training auch in diesem Fall ein sinnvoller Bestandteil der Therapie sein könnte (Chenot et al., 2017).



Leitlinien empfehlen Aktivität und Bewegung

 

Diverse Leitlinien empfehlen bei verschiedenen Menschengruppen körperliche Aktivität. Eine nationale Leitlinie aus den USA empfiehlt für Erwachsene wöchentlich 150 Minuten körperliche Aktivität mit moderater Intensität oder 75 Minuten mit höher Intensität, sowie zwei Einheiten Krafttraining pro Woche (Piercy et al., 2018). Bei gesunden Erwachsenen gibt die World Health Organization (WHO) vergleichbare Empfehlungen und dehnt die grundsätzliche Empfehlung für ausreichend körperliche Aktivität auch auf Jugendliche, Senioren, Schwangere, Frauen nach der Schwangerschaft und Menschen mit chronischen Erkrankungen aus, wobei sich je nach Zielgruppe beispielsweise Umfang und Intensität der Aktivität unterscheiden (Bull et al., 2020). Andere Leitlinien empfehlen körperliche Aktivität und Training auch bei verschiedenen Arten von Rückenschmerzen (Glocker et al., 2018). Müsste aufgrund dieser Empfehlungen Herr M. wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und in seiner Therapieeinheit Krafttraining machen?



Schwere körperliche Aktivität am Arbeitsplatz als Risikofaktor


Gleichzeitig wird schwere körperliche Arbeit am Arbeitsplatz als möglicher Risikofaktor für verschiedene Krankheitsbilder eingeschätzt. Diese umfassen muskuloskelettale und kardiovaskuläre Erkrankungen (Prince et al., 2021) und haben somit auch einen negativen Einfluss auf die allgemeine Sterblichkeit, dem Auftreten von Arbeitsunfähigkeit und dem frühen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben (Gupta et al., 2020).



Bild: Handwerkerin, Quelle: Pixabay


Dieser Widerspruch zwischen dem gesundheitlichen Benefit durch körperliche Aktivität in der Freizeit, beispielsweise in Form von Krafttraining, Yoga oder Gartenarbeit, und dem negativen Einfluss von extensiver, körperlicher Aktivität am Arbeitsplatz auf die Gesundheit wird als Aktivitätsparadoxon bezeichnet. Die Relevanz dieses Widerspruchs wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahre kontrovers diskutiert (Coenen et al., 2020). Das zu Beginn beschriebene Fallbeispiel beschreibt natürlich nicht eine konkrete Patientensituation, die tatsächlich stattgefunden hat. Dass die Annahme von PatientInnen, dass die eigenen (Rücken-) Beschwerden durch den schweren, körperlichen Beruf ausgelöst oder aufrechterhalten werden, keine Seltenheit ist, kann so mancher Therapierende bestätigen.

Holtermann et al. (2018) sehen verschiedene Gründe dafür, warum körperliche Belastungen am Arbeitsplatz keine wünschenswerten Vorteile, vielleicht sogar Nachteile für die Gesundheit der Arbeitenden mit sich bringen. So wird die Tätigkeit in Summe, z.B. ein ganzer Arbeitstag, zwar als anstrengend und ermüdend wahrgenommen, dennoch könnten die einzelnen Belastungen von zu kurzer Dauer oder zu geringer Intensität sein, um im Sinne eines trainingswirksamen Reizes zu wirken. Auch mit Blick auf das Herz-Kreislauf-System könnten eine langfristige Erhöhung des Blutdrucks, der Herzfrequenz und von Entzündungswerten eine Folge sein, die bei körperlicher Aktivität in der Freizeit nicht in dem Ausmaß erwartet werden. Bei entsprechendem Arbeitspensum pro Woche fällt eventuell die Regeneration zu kurz aus. Auch psychosoziale Faktoren am Arbeitsplatz, wie eine geringe Möglichkeit der Einflussnahme durch die Arbeitenden selbst, werden als negative Faktoren diskutiert. Gute Argumente für Herrn M. also, nicht noch mehr körperliche Belastung in Kauf zu nehmen, oder?

 


Ist das Aktivitätsparadoxon eine neue Entdeckung?


Ist die Entdeckung des Aktivitätsparadoxons im Ganzen oder die möglichen Nachteile körperlicher Arbeit also so neu, dass die Forschung erst in den letzten Jahren dieses Thema für sich entdeckte? Beispielsweise sahen EpidemiologInnen in den 80er bis 90er Jahren noch grundsätzlich einen positiven Zusammenhang zwischen körperlicher Arbeit am Arbeitsplatz und dem Auftreten frühzeitiger Todesfälle. Demgegenüber wird bei ca. einem Drittel der aktuellen Forschung ein nachteiliger Effekt durch körperliche Arbeit am Arbeitsplatz geschlussfolgert. Dieser scheinbare Wandel könnte sich vor allem durch die Methodik der Untersuchungen erklären lassen. Die Messung beruflicher Beanspruchungen anhand von Fragebögen als häufig genutzte Messmethode oder eine unzureichende Berücksichtigung von Begleitfaktoren, werden in der aktuellen Forschung teilweise kritisiert (Shephard, 2019).


Die Verwendung unterschiedlicher Fragebögen erschwert die Vergleichbarkeit der Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen. Wenn sich die Einordnung und Klassifizierung der körperlichen Aktivität in Kategorien zu sehr unterscheidet, können die einzelnen Studienergebnisse nicht verglichen werden. Aufgrund dieser eingeschränkten Vergleichbarkeit rückte in den letzten Jahren die Messung der körperlichen Aktivität am Arbeitsplatz anhand von elektrischen Messgeräten zunehmend in den Fokus. So konnte man feststellen, dass ArbeitnehmerInnen, wenn ihre körperliche Aktivität am Arbeitsplatz durch eine Selbstauskunft gemessen wird, häufig aktivitätsbezogene Empfehlungen, z.B. in Anlehnung an die Empfehlungen der WHO, erfüllen würden. Wird die Aktivität jedoch anhand elektrischer Geräte erfasst, z.B. die Messung der Schrittmenge, kann der gegenteilige Effekt entstehen, dass die aktuellen Empfehlungen nicht erreicht werden (Gudnadottir et al., 2019). TeilnehmerInnen tendieren also dazu, bei Befragungen das Ausmaß und die Intensität der eigenen körperlichen Aktivität zu hoch einzuschätzen. Ein Phänomen, das bereits seit längerem bekannt ist (Sallis & Saelens, 2000). Wenn also Herr M. von Art und Umfang der körperlichen Belastungen seiner Arbeit berichtet, schließen diese Schilderungen den Einsatz von Kräftigungsübungen vielleicht doch nicht aus?


Die Berücksichtigung begleitender Faktoren zusätzlich zum Aktivitätsniveau wird in der Forschung sehr kontrovers diskutiert. Zu diesen Faktoren zählen vor allem verschiedene Eigenschaften, die unter dem sozioökonomischen Status zusammengefasst werden. Auch andere Aspekte des Lebensstils finden hierbei Beachtung, beispielsweise der Einfluss eines hohen Zigarettenkonsums als negativer Faktor (Shephard, 2019).


Die geschilderte Kontroverse um die Methodik der Untersuchungen führt auch zu diversen Ergebnissen hinsichtlich der Frage, ob ein Aktivitätsparadoxon nun tatsächlich bestehe. Pearce und KollegInnen (2021) sehen nur eine begrenzte Evidenz für einen Zusammenhang zwischen hoher körperlicher Aktivität am Arbeitsplatz und dem Gesundheitszustand, z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gesamtsterblichkeit oder Krebserkrankungen. Sie beschreiben ihre Ergebnisse als konträr zu vorhergehenden Publikationen, beispielsweise der systematischen Übersichtsarbeit von Coenen et al. (2018). Hier wird eine hohe körperliche Aktivität am Arbeitsplatz mit dem vermehrten Auftreten gesundheitlicher Probleme assoziiert, sodass auch die Existenz eines Aktivitätsparadoxons von den AutorInnen explizit befürwortet wird. Demgegenüber stellen Gudnadottir et al. (2019) in ihrer Übersichtsarbeit „nur“ einen schwach positiven Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und hoher körperlicher Aktivität am Arbeitsplatz fest. Doch auch wenn die vielleicht sehr theoretische Frage nach der Relevanz eines Aktivitätsparadoxons aktuell nicht abschließend beantwortet werden kann, bleibt die praktische Frage nach der Notwendigkeit von Kräftigungsübungen bei PatientInnen mit körperlich anspruchsvollen Berufen weiterhin bestehen. Wenn ein Herr M. also sagt, dass er in seiner Arbeit bereits genug trainiert hat, sollte ich ihm trotzdem Kräftigungsübungen empfehlen?



Was wird empfohlen?


Die aktuellen Empfehlungen der WHO umfassen zwei Einheiten Krafttraining pro Woche bei gesunden Erwachsenen und für PatientInnen mit chronischen Erkrankungen bis zu drei Einheiten Krafttraining pro Woche (sofern Krafttraining nicht explizit kontraindiziert ist), wobei in beiden Fällen die berufliche Aktivität nicht explizit berücksichtigt wird (Bull et al., 2020). Pearce und KollegInnen (2021) empfehlen körperliche Aktivität in der Freizeit unabhängig von der beruflichen Tätigkeit. Coenen et al. (2018) sehen zwar negative Konsequenzen für die Gesundheit durch hohe berufliche körperliche Aktivität, aber im Sinne eines Paradoxons durchaus positive Konsequenzen durch körperliche Aktivität in der Freizeit. Daraus könnte eine Empfehlung für Krafttraining geschlussfolgert werden. Die Empfehlung der AutorInnen das Ausmaß an körperlicher Aktivität am Arbeitsplatz bei den allgemeinen Empfehlungen für Aktivität zu berücksichtigen, sollte dennoch nicht ungehört bleiben. Leitlinien für die Behandlung verschiedener Beschwerdebilder der Wirbelsäule sprechen sich in der Regel für den Einsatz von Bewegungstherapie aus (Chenot et al., 2017; Glocker et al., 2018). Zusammenfassend sprechen doch einige Punkte für den Einsatz von Training bei Herrn M., da sich beide Leitlinien neben einer aktiven Therapie auch für die Vermittlung von relevantem Wissen, also ausreichende Patientenedukation aussprechen, kann auch eine entsprechende Diskussion mit dem Patienten über Vor- und Nachteile von Krafttraining und allgemeiner die Frage danach, welche Therapieinhalte in seinem Fall sinnvoll sein könnten, bereits der erste Schritt in die richtige Richtung sein.




 


Autor: Jan Frankenstein



- tätig als Sport-/Bewegungstherapeut (DVGS) in einer ambulaten Rehabilitationseinrichtung mit Schwerpunkt Orthopädie/Traumatologie

- M. Sc., Interdisziplinäre Schmerztherapie

- Fahrrad-Enthusiast

  



"Egal ob Ergo-, Sport- oder Physiotherapeut*in, in vielen (therapeutischen) Bereichen werden wir mit falschen Mythen konfrontiert. Um diesen adäquat begegnen zu können, benötigen wir sowohl evidenzbasierte Fortbildungen als auch die Kompetenz, Mythen kritisch zu überprüfen und als solche erkennen zu können."


 

 

Literaturverzeichnis

 

Bull, F. C., Al-Ansari, S. S., Biddle, S., Borodulin, K., Buman, M. P., Cardon, G., Carty, C., Chaput, J.‑P., Chastin, S., Chou, R., Dempsey, P. C., DiPietro, L., Ekelund, U., Firth, J., Friedenreich, C. M., Garcia, L., Gichu, M., Jago, R., Katzmarzyk, P. T., . . . Willumsen, J. F. (2020). World Health Organization 2020 guidelines on physical activity and sedentary behaviour. British Journal of Sports Medicine, 54(24), 1451–1462. https://doi.org/10.1136/bjsports-2020-102955

Chenot, J.‑F., Greitemann, B., Kladny, B., Petzke, F., Pfingsten, M. & Schorr, S. G. (2017). Non-Specific Low Back Pain. Deutsches Arzteblatt international, 114(51-52), 883–890. https://doi.org/10.3238/arztebl.2017.0883

Coenen, P., Huysmans, M. A., Holtermann, A., Krause, N., van Mechelen, W., Straker, L. M. & van der Beek, A. J. (2018). Do highly physically active workers die early? A systematic review with meta-analysis of data from 193 696 participants. British Journal of Sports Medicine, 52(20), 1320–1326. https://doi.org/10.1136/bjsports-2017-098540

Coenen, P., Huysmans, M. A., Holtermann, A., Krause, N., van Mechelen, W., Straker, L. M. & van der Beek, A. J. (2020). Towards a better understanding of the 'physical activity paradox': the need for a research agenda. British Journal of Sports Medicine, 54(17), 1055–1057. https://doi.org/10.1136/bjsports-2019-101343

Glocker F. et al, Lumbale Radikulopathie, S2k-Leitlinie, 2018; in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 20.08.2023)

Gudnadottir, U., Cadmus-Bertram, L., Spicer, A., Gorzelitz, J. & Malecki, K. (2019). The relationship between occupational physical activity and self-reported vs measured total physical activity. Preventive medicine reports, 15, 100908. https://doi.org/10.1016/j.pmedr.2019.100908

Gupta, N., Dencker-Larsen, S., Lund Rasmussen, C., McGregor, D., Rasmussen, C. D. N., Thorsen, S. V., Jørgensen, M. B., Chastin, S. & Holtermann, A. (2020). The physical activity paradox revisited: a prospective study on compositional accelerometer data and long-term sickness absence. The international journal of behavioral nutrition and physical activity, 17(1). https://doi.org/10.1186/s12966-020-00988-7

Holtermann, A., Krause, N., van der Beek, A. J. & Straker, L. (2018). The physical activity paradox: six reasons why occupational physical activity (OPA) does not confer the cardiovascular health benefits that leisure time physical activity does. British Journal of Sports Medicine, 52(3), 149–150. https://doi.org/10.1136/bjsports-2017-097965

Pearce, M., Strain, T., Wijndaele, K., Sharp, S. J., Mok, A. & Brage, S. (2021). Is occupational physical activity associated with mortality in UK Biobank? The international journal of behavioral nutrition and physical activity, 18(1), 102. https://doi.org/10.1186/s12966-021-01154-3

Piercy, K. L., Troiano, R. P., Ballard, R. M., Carlson, S. A., Fulton, J. E., Galuska, D. A., George, S. M. & Olson, R. D. (2018). The Physical Activity Guidelines for Americans. JAMA, 320(19), 2020–2028. https://doi.org/10.1001/jama.2018.14854

Prince, S. A., Rasmussen, C. L., Biswas, A., Holtermann, A., Aulakh, T., Merucci, K. & Coenen, P. (2021). The effect of leisure time physical activity and sedentary behaviour on the health of workers with different occupational physical activity demands: a systematic review. The international journal of behavioral nutrition and physical activity, 18(1), 100. https://doi.org/10.1186/s12966-021-01166-z

Sallis, J. F. & Saelens, B. E. (2000). Assessment of physical activity by self-report: status, limitations, and future directions. Research quarterly for exercise and sport, 71(2 Suppl), S1-14.

Shephard, R. J. (2019). Is there a 'recent occupational paradox' where highly active physically active workers die early? Or are there failures in some study methods? British Journal of Sports Medicine, 53(24), 1557–1559. https://doi.org/10.1136/bjsports-2018-100344

 

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